• Axel Nauert 0172-8929922

Auf dem Weg ins Urbanozän.

Aktualisiert: 2. Feb 2020

Vor 15 Jahren beschäftigte mich noch die Physik des selbst verursachten Autostaus, heute will ich wissen, wie wir die Innenstadt von München vom Individualverkehr entlasten und welche Modelle für ökologische Mobilität funktionieren, die wir künftig anwenden können.


Sobald man sich mit Mobilität beschäftigt, kommt man aber zwangsläufig zur Komplexität der heutigen Stadtentwicklung, singuläre Lösungen bilden die Situation falsch ab.


Die Stadt ist der Mechanismus zwischen sozialer Interaktion und Zusammenarbeit


Die Stadt ist der ingeniöse Mechanismus, den wir entwickelt haben, um soziale Interaktion und Zusammenarbeit, zwei unverzichtbare Komponenten erfolgreicher Innovation und Schaffung von Wohlstand, zu erleichtern und zu erweitern. Bevölkerungs- und Städtewachstum sind eng miteinander verbunden. Sie sind aufeinander angewiesen und haben uns unsere Herrschaft über den Planeten beschert (Edward Glaeser).


Städte sind hoch komplexe Systeme


Organismen, Städte und Unternehmen lassen sich gleichermaßen als hoch komplexe Systeme beschreiben, die regelhaft reagieren, wenn sie größer werden. Sie alle bilden Netzwerke aus Zellen, Straßen, Menschen und Maschinen, die Energie und Ressourcen verbrauchen und effektiv organisiert werden müssen.


Im Kern geht es darum, Städte zu skalieren.


„Skalierung macht in ihrer elementaren Form schlicht und einfach deutlich, wie ein System auf eine Änderung seiner Größe reagiert. Was geschieht mit einer Stadt oder einer Firma, wenn sie doppelt so groß wird? Weist eine Stadt, deren Einwohnerzahl sich verdoppelt, doppelt so viele Straßen, doppelt so viel Kriminalität und doppelt so viel Patente auf?“ fragt Geoffrey West


Man hört ja gelegentlich salopp daher gesagte Sätze, wie "der Stoffwechsel der Stadt", als wären Städte biologische Wesen.


Wie beschreibt man eine gesunde Stadt?


Folgt man dieser Frage entdeckt man die Stadttheoretikerin Jane Jacobs (The Death and Life of Great American Cities) oder aus den 1980er Jahren die Bewegung des New Urbanism, mit ihrem Ziel architektonisch, sozial und gewerblich bunter Viertel, mit gemischter Nutzung. Möglichst viele Ziele sollten zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen sein.


Stadtwissenschaft und Netzwerkstruktur


Das Forschungsfeld Stadtwissenschaft und Netzwerkstruktur braucht es heute, um die Komplexität richtig abzubilden. Geoffrey West leistet dies anregend, mit mathematischen Analysen, die valide Prognosen erlauben.


Konsequenzen des superlinearen Wachstums


„Wenn sich die Einwohnerzahl einer Stadt verdoppelt, steigen die Indikatoren nicht einfach linear an. Sozioökonomische Gebilde wachsen in größeren Städten „superlinear“. Statt sich bei einer Verdopplung der Einwohnerzahl um nur 75 Prozent zu vermehren, wachsen sie um 115 Prozent an – das gilt für Löhne, Wohlstand, Bildungseinrichtungen pro Kopf, aber auch für Krankheiten, Kriminalitätsraten, Lebenstempo und Stress. " beweist Geoffrey West.


Ein Beispiel: Wenn sich die Einwohnerzahl einer Stadt verdoppelt, benötigt diese nicht etwa doppelt so viele Tankstellen, wie man annehmen könnte, sondern nur etwa 85% mehr. Bei jeder Verdopplung der Einwohnerzahl werden also etwa 15% gespart. Dieser Skaleneffekt ist systematisch und tritt auch für andere Bereich der Stadtentwicklung auf, also auch für die Gesamtlänge der Strassen, Strom-, Wasser- und Gasleitungen, belegen Bettencourt und Lobo.


Die Vorteile der Stadt führen zur Explosion der Urbanisierung


Je mehr Einwohner eine Stadt hat, umso größer ist pro Kopf gerechnet, die soziale Aktivität und Vielfalt, umso höher sind die Löhne, umso mehr gute Restaurants, Museen und Bildungseinrichtungen gibt es, umso mehr Konzerte werden veranstaltet und umso lebendiger und aufregender ist die Stadt.


Die bemerkenswerte Kombination von Vorteilen, die sowohl für das Individuum als auch für das Kollektiv mit steigender Einwohnerzahl wachsen, ist die treibende Kraft für die anhaltenden Explosion der Urbanisierung weltweit. (Geoffrey West, Scale, 2019)



Für den schnellen Leser: Phänomene und Konsequenzen der Urbanisierung heute:

  • Je größer eine Stadt bereits ist, umso schneller wächst sie weiter

  • Je größer eine Stadt ist, umso schneller bewegen sich ihre Einwohner

  • Organismen wachsen sublinear , Städte dagegen superlinear und damit exponentiell

  • Für München bedeutet dies ein Wachstum von + 24% von 2012 bis 2030 (Quelle: welt.de)

  • Superlineares Wachstum erfordert eine entsprechend exponentielle "Energiezufuhr"

  • 2050 leben 75% aller Menschen in Städten


Axel Nauert

19 Ansichten0 Kommentare