Die Flächenversiegelung schreitet voran und die Bundesregierung reduziert auch noch die "Hürden".

Aktualisiert: Nov 12


Am 28. Mai 2021 hat der Bundesrat den Gesetzentwurf der Bundesregierung für ein Baulandmobilisierungsgesetz gebilligt. Darin enthalten ist die Verlängerung der Regelungen des § 13b BauGB bis zum 31.12.2022. Der § 13b ermöglicht Siedlungserweiterungen am Ortsrand ohne Umweltprüfung und sonst oft notwendige Ausgleichsflächen. Ursprünglich zur Schaffung von dringend benötigtem Wohnraum gedacht, mobilisierte der Paragraph schnell und einfach Bauland für begehrte Einfamilienhäuser. Dies ist leichter, als brachliegende Grundstücke innerorts zu aktivieren. Bis Mai 2019 wurden bundesweit über 1.800 Bebauungspläne nach § 13b aufgestellt. 545 der Pläne stammen aus Bayern, wo durch Verfahren nach § 13b 1.345 Einfamilienhäuser und nur 53 Mehrfamilienhäuser gebaut wurden. Dies führt zur Zersiedelung von Ortschaften und einer zunehmenden Flächenversiegelung.


Gut die Hälfte der Gesamtfläche in Deutschland entfällt auf Landwirtschaftsfläche, Waldflächen machen knapp ein Drittel aus. Siedlungs- und Verkehrsflächen beanspruchen aktuell 14 %, 1992 waren es noch 11%. Etwa die Hälfte der Siedlungs- und Verkehrsfläche ist versiegelt, das heißt bebaut, betoniert, asphaltiert oder gepflastert. Täglich werden in Deutschland laut Umweltministerium rund 52 Hektar als Siedlungsflächen und Verkehrsflächen neu ausgewiesen. Etwa die Hälfte davon wird überbaut und versiegelt. Meist geschieht das auf zuvor landwirtschaftlich genutzter Fläche. Mit der Versiegelung gehen wichtige Bodenfunktionen, vor allem die Wasserdurchlässigkeit und die Bodenfruchtbarkeit, verloren. Eine geringere Wasserdurchlässigkeit bedeutet, dass Grundwasservorräte weniger aufgefüllt werden und bei starken Regenfällen die Kanalisation die Wassermassen nicht fassen kann, wodurch es häufig zu örtlichen Überschwemmungen kommt. Auch das Stadtklima wird negativ beeinflusst: Versiegelte Böden können kein Wasser verdunsten, weshalb sie im Sommer nicht zur Kühlung der Luft beitragen. Die natürliche Bodenfruchtbarkeit wird durch eine Versiegelung der Böden massiv beeinträchtigt. Im Falle einer Entsiegelung bleibt die natürliche Struktur des Bodens gestört. Die Konsequenzen werden immer stärker deutlich: Eine abnehmende Anzahl von Tagen mit Niederschlag und ein intensiverer Niederschlag an den verbliebenen Tagen führt zu katastrophalen Überschwemmungen wie im Juli 2021 an der Ahr geschehen. Auf der anderen Seite müssen sich Städte auf eine drastische Erwärmung des Stadtklimas einstellen. Nach einer Studie der ETH Zürich werden in Paris 2050 Temperaturen herrschen wie derzeit im australischen Canberra. Europäische Städte rücken klimatisch 1.000 km näher an den Äquator heran. Die wachsende Versiegelung verstärkt die Erwärmung des Stadtklimas nochmals.


Eine Lösung des Problems sind beispielsweise alternative Wohnungskonzepte begleitet von einer entsprechenden Baugesetzgebung, durch welche Raum effizienter genutzt wird. Ein Beispiel ist das Mehrgenerationen-Projekt auf dem Münsinger Pallaufhof-Grundstück in der Nähe vom Starnberger See. Statt des ersten Plans einer für ein Dorf typischen Bebauung mit drei Einfamilienhäusern und drei Doppelhäusern wurden zwei lang gestreckte Gebäude für 24 Familien in flächensparender und ökologischer Bauweise mit variablen Wohnmodulen entwickelt. Mittlerweile ist das Projekt eine Pilgerstätte für viele Bürgermeister der Region mit ähnlichen Herausforderungen. Ein Leitbild für die Dorfentwicklung und die Bürgerbeteiligung waren entscheidende Faktoren. Viele Gemeinden entscheiden bezüglich Bebauung nur ad-hoc ohne einen zukunftstauglichen Gesamtplan zu erstellen. Flächennutzungspläne sind teilweise 40 bis 50 Jahre alt. Ein weiterer Lösungsansatz sind Tiny-Houses. Minimalismus (16-30qm), Bezahlbarkeit (durchschnittlich 67 tsd. EUR) und Nachhaltigkeit sind laut einer Studie von Livee die wichtigsten Gründe für das Konzept. Die aktuell 65 Tiny-House Anbieter in Deutschland rechnen mit einem deutlichen Wachstum der Nachfrage. Aktuell ist der Markt noch fragmentiert. Größere Anbieter wie Diekmann aus Hamm bauen pro Jahr 40 bis 60 Minihäuser. Viele Projekte scheitern jedoch bisher an den Kommunen. Zu groß sind die Vorurteile und Bedenken, denn Tiny-House-Siedlungen unterscheiden sich fundamental von anderen gemeinschaftlichen Bauprojekten. Daher ist das größte Problem von Tiny-House-Fans die mangelnde Unterstützung durch die öffentliche Hand. Des Weiteren sind Gebäude auf Stelzen gute Möglichkeiten für die Nachverdichtung von bereits versiegelten Flächen. Ein Beispiel ist das dreigeschossige Gebäude der Bayerischen Staatsforsten mit einer Wohnfläche von 900 Quadratmetern, verteilt auf 33 Wohneinheiten in Regensburg: klimaschonend und flächensparend auf Stelzen gebaut.

Quellen: Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat, Deutscher Wetterdienst, ETH Zürich: Understanding climate change from a global analysis of city analogues, Livee: Tiny-House-Studie, Umweltbundesamt, bayerische Staatszeitung

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