Die Klimakrise schreitet voran – welche Antworten haben die DAX 30 Unternehmen?


Das Leugnen und Versteckspielen fällt immer schwerer. Die Auswirkungen der Klimaerwärmung sind für immer mehr Menschen spürbar: extreme Hitzeperioden, häufiger Starkregen mit Über-schwemmungen, heftige Orkane und Verwüstungen und das alles gepaart mit Ernteausfällen, Zerstörung von Wohnraum und Infrastruktur, Wassermangel und Bodenerosionen. Die Wirkungskette lässt sich fortführen. Vielen wird zunehmend klar, dass es nicht mehr so weiter geht. Wir verbrauchen global pro Jahr 1,7 Erden (Biokapazitäten). In Deutschland umgerechnet sogar 3 Erden. Der Zeitpunkt im Jahr, an dem wir die natürlichen Ressourcen bereits verbraucht haben, rückt immer weiter nach vorne. Dieses Jahr haben wir bereits am 29. Juli unsere natürlichen Kapazitäten verbraucht (Erdüberlastungstag). Die positive Nachricht ist, der Mensch ist anpassungsfähig und kann sich entwickeln. Das haben die Evolutionsstufen vom Jäger & Sammler über die ortsansässige Landwirtschaft zum industriellen Zeitalter gezeigt. Der amerikanische Präsident Joe Biden gab auf dem selbst einberufenden Klimagipfel im April das Ziel aus, bis 2030 den Ausstoß von Treibhausgaben um 50% gegenüber 2005 zu reduzieren. Die EU ist aktuell mit der „Fit for 55“ Strategie wieder Vorreiter und möchte den CO2 Ausstoß bis 2030 um 55% gegenüber dem Niveau von 1990 reduzieren. Da 2019 bereits 24% weniger Treibhausgase ausgestoßen wurden, sind noch 26% zu meistern. Auch die Bundesregierung hat im Frühjahr auf Druck des Bundesverfassungsgerichtes das Klimaschutzgesetzt verschärft. Gegenüber 1990 sollbis 2030 national 65% Treibhausgas eingespart werden.


Spannend ist, wie die Unternehmen auf diese Herausforderung reagieren. Sind sie Vorreiter und entwickeln neue Produkte und Technologien zur Stärkung unseres Lebensraumes und der Gesellschaft? Oder plädieren sie auf „weiter so“ und setzen nur das Minimum, sprich das gesetzlich Notwendige um?Der Verein „The Future Circle e.V.” hat eine Studie über die DAX 30 Unternehmen erstellt. Börsennotierte Unternehmen müssen seit 2017 jährlich einen nicht finanziellen Bericht veröffentlichen. The Future Circle e.V. hat die Nachhaltigkeitsberichte der letzten beiden Jahre 2019 und 2020 analysiert. Die wesentliche Frage war: welche Wirkung - positiv oder negativ - erzielen die Unternehmen auf Planet und Gesellschaft und welchen Fortschritt gibt es bezüglich neuen Lösungen und Erreichung der Ziele. Das Ergebnis lässt noch viel Raum zum Handeln:


(1) Transparenz nur in Teilbereichen: Die Wirkung auf den Planeten ist, insbesondere bezüglich Klimawandel, transparent beschrieben. Die DAX 30 Unternehmen waren 2020 für 1.093 Mio. Tonnen CO2e Ausstoß verantwortlich. Das entspricht ca. 3% der globalen CO2 Emissionen von 34 Milliarden Tonnen. Gegenüber 2019 haben die DAX 30 Unternehmen ihren Ausstoß um 26 % reduziert. Dies war im Wesentlichen pandemiebedingt. Bezüglich andere Umweltthemen wie Artenvielfalt, Bodenversiegelung etc. gibt es noch wenig Informationen. Relativ „dünn“ sieht das Reporting auch bezüglich der Wirkung auf die Gesellschaft aus.


(2) Mangelnde Vergleichbarkeit: 11 Unternehmen berichten bereits den vollständigen, von ihnen versursachten Ausstoß von CO2e entlang der Wertschöpfungskette (inkl. Lieferanten) und des Produktlebenszyklus (inkl. Nutzung und Entsorgung der Produkte). Gute Beispiele sind hier die Unternehmen aus der Automobilbranche. Der Rest tut dies noch nicht. Somit sind die Zahlen nicht vergleichbar und nur begrenzt aussagekräftig. Ähnlich verhält es sich bei anderen Indikatoren wie Luftverschmutzung, Wasserverbrauch und -belastung, Müllentstehung/-verwertung,


(3) Governance gewinnt an Bedeutung: Mit Governance wird die Art der Unternehmensführung und der Umgang mit Mitarbeitern beschrieben. Hier zählen insbesondere die Frauenquote in Führungspositionen und die Gehaltsunterschiede bei Mitarbeitern als Maßstab für Gleichstellung (Equality). Über die Frauenquote in Führungspositionen berichten fast alle DAX 30 Unternehmen. So ist im Durchschnitt die Frauenquote im Management von 25% im Jahr 2019 auf 27% im Jahr 2020 gestiegen. Wobei die Unternehmen unterschiedliche Definition – was denn Führungspositionen sind – anwenden. Das Thema Einkommensgerechtigkeit ist sehr transparent, die Unterschiede sind jedoch groß. Der Faktor Vorstandsvergütung zu Durchschnittsgehalt reicht von 20 (Infineon) bis zu 146 (Linde). D.h. bei Linde verdient der Vorstand das 146fache des Durchschnittgehalts der Mitarbeiter.


(4) Wenig ambitionierte Ziele: Positiv fällt auf, dass sich die Mehrzahl der DAX 30 Unternehmen Ziele setzt und diese auch veröffentlicht. So haben 13 von den 15 Unternehmen mit signifikanten CO2 Ausstoß zeitbezogene Ziele für die Klimaneutralität des eigenen Unternehmens gesetzt. Auffällig sind die unterschiedlichen Ambitionen. Sieben Unternehmen folgen dem „Minimalkonsens“ des Klimagipfels von Paris bis zum Jahr 2050 klimaneutral zu sein. Nur zwei Unternehmen (Siemens und Bayer) mit signifikantem CO2 Ausstoß wollen bereits 2030 klimaneutral sein. Auch hier liegt wieder der Teufel im Detail: die Definition von Klimaneutralität. Die Mehrzahl der Unternehmen sieht die Klimaneutralität nur auf die eigenen Prozesse bezogen (nicht auf die vorgelagerten Lieferantenprozesse und auch nicht auf die Nutzungsphase des Produktes).


(5) Bisher wenig nachhaltige Transformation: Wie ernst meinen es die Unternehmen? Diese Frage ist nur schwer zu beantworten. Sind die Nachhaltigkeitsberichte eher Marketingbroschüren oder tatsächliche Konzepte? Dazu muss man tiefer in die Strategie, die Anpassung des Geschäftsmodells und die Steuerung der Umsetzung schauen. Hier fallen nur zwei Unternehmen auf, die sich strategisch neu ausrichten und die Nachhaltigkeit in ihr Geschäftsmodell integrieren: Covestro (Hersteller von Kunststoffen) hat das Problem des Plastikmülls weltweit erkannt und sich die Entwicklung einer vollständigen Kreislaufwirtschaft auf die Fahne geschrieben. In Zukunft soll Kunststoff vollständig entweder aus recyceltem Kunststoff oder aus Biomasse (natürlich abbaubar) hergestellt werden. Dies ist glaubhaft in der Strategie verankert und in die Unternehmensprogramme integriert. BMW richtet seine Unternehmensstrategie ebenso zu 100% auf die Kreislaufwirtschaft aus – muss diese Ambition jedoch noch mit konkreteren Maßnahmen und organisatorischer Verankerung unterlegen.


(6) Neue Technologien: Erneuerbare Energien, Elektrifizierung der Mobilität (auf Basis erneuerbarer Energie) und die Wasserstoffwirtschaft sind die Lösungen, um die Treibhausgase und die Luftverschmutzung zu reduzieren. Dies waren die großen Themen der Energie- und Automobilwirtschaft in 2019 und dem Klimawandel zu begegnen. 2020 kamen keine großen Themen hinzu, obwohl neben dem Klimawandel noch weiter Umweltrisiken bestehen: Landversiegelung/-erosion, Nitrat-/Phosphatbelastung der Böden und der Gewässer, Reduzierung der Artenvielfalt bzw. Bedrohung des Ökosystems, Ozeanversäuerung etc.


Das Resume ist durchwachsen: Das Thema Klimaerwärmung und Nachhaltigkeit steht zwar bei allen DAX 30 Unternehmen auf der Tagesordnung. Die Ambitionen und Maßnahmen reichen jedoch im Durchschnitt der Unternehmen nicht aus, um die Klimaerwärmung deutlich gemäß EU-Zielen zu begrenzen. Die Risiken außerhalb der Klimaerwärmung werden nur selten adressiert. Bedenklich, da das Ökosystem unseres Planeten viele Abhängigkeiten besitzt und nicht eindimensional funktioniert. Zum Beispiel beeinflusst die Düngung mit Nitrat und Phosphat auch den Nährstoffgehalt der Gewässer und lässt ganze Ozeangebiete absterben, wiederum mit Einfluss auf das Klima und die Artenvielfalt. Die DAX 30 Unternehmen haben aufgrund ihrer Größe deutlichen Einfluss auf unseren Planeten und die Gesellschaft. Der negative Einfluss muss noch deutlicher ins Positive drehen. Mit neue Technogien, Produkten und Geschäftsmodellen gepaart mit finanziellem Erfolg. Nur dann gelingt für uns alle der Wandel.


Die komplette Studie können Sie anfordern unter: info@thefuturecircle.global


Der Verein „The Future Circle - rethinking the economy, healing planet earth e.V.” ist eine global agierende und kollaborative Vereinigung, die sich im Dienste der Menschheit für ein enkeltaugliches Wirtschaften einsetzt. Wir begeistern und befähigen Unternehmen sowie Organisationen, nachhaltig erfolgreiche Geschäftsmodelle mit einer positiven Wirkung auf unseren Planeten und unsere Gesellschaft im Sinne zukünftiger Generationen zu etablieren und aktiv zu leben. Gegründet im Jahr 2020 engagieren sich erfahrene Manager,

Geschäftsführer, Berater und Wissenschaftler in Projekten, Veranstaltungen und Veröffentlichungen für einen neuen Denkansatz. In dem im August 2020 erschienen Buch „Planet Proofed“ beschreiben Oliver Specht und Axel Nauert in anschaulichen und einfachen Beispielen einen möglichen (Aus-)Weg.

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